Choreographies of social transformation: solidarity, access and the practice of coming together
In turn – Choreografien der Veränderung
Samstag, 17. Oktober 2026
Frankfurt University of Applied Sciences
Nibelungenplatz 1, 60318 Frankfurt am Main
CAMPUS
Der Campus Nibelungenplatz ist ein zusammenhängendes Gelände; zwischen den drei Gebäuden des Tages liegen jeweils nur wenige Gehminuten.
ANFAHRT
Öffentliche Verkehrsmittel. Alle Linien halten direkt am Campus an der Haltestelle Nibelungenplatz/UAS: Straßenbahn 12 und 18, Bus 30 und M32. Die Straßenbahn 18 und der Bus 30 halten an der Friedberger Landstraße im Osten des Campus, die Straßenbahn 12 am Nibelungenplatz im Süden. Wir empfehlen die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Mit dem Auto. Von Norden und Osten über die A661, Ausfahrt Friedberger Landstraße Richtung Stadtmitte; von Süden und Westen über A5 und A66, Nordwestkreuz und Adickes-/Miquelallee. Besucherparkplätze gibt es nur in den Tiefgaragen unter Gebäude 1 (Zufahrt Friedberger Landstraße) und Gebäude 8 (Zufahrt Nibelungenallee) – und dort sehr eingeschränkt.
Mit dem Rad. Abstellmöglichkeiten befinden sich an mehreren Stellen auf dem Campus.
DIE ORTE DES TAGES
Gebäude 2 – des Fachbereichs 4 Soziale Arbeit und Gesundheit. Hier liegt der Bewegungsraum E10 im Erdgeschoss.
Gebäude 4 – des Fachbereichs 3 Wirtschaft und Recht. Hier sind die Registrierung im Foyer, die Ausstellung scores of change ebenfalls im Foyer, das Mittagessen und die Pausengetränke im oberen Foyer; das Audimax sowie die Seminarräume 109/110 und 111/112 liegen im ersten Stock.
Gebäude 10 – der ovale Neubau in der Mitte des Campus, zwischen Gebäude 4 und Gebäude 2. Hier ist der Multifunktionsraum mit dem KASP Resonance Space.
REGISTRIERUNG
Die Registrierung befindet sich im Foyer von Gebäude 4 und bleibt den ganzen Tag Anlaufstelle für Fragen. Dort hängt auch der aktuelle Stand des Programms aus – bitte dort nachsehen, falls sich etwas verschiebt.
VERPFLEGUNG
Das Mittagessen und die Pausengetränke stehen im oberen Foyer von Gebäude 4 bereit. Das Mittagessen ist im Tagungsbeitrag enthalten; es gibt auch ein veganes Angebot. Wer weitere Unverträglichkeiten hat, meldet sich am besten kurz bei der Registrierung.
DURCHGEHEND GEÖFFNET
scores of change – Ausstellung im Foyer von Gebäude 4. Die Eröffnung schließt an die Begrüßung an, danach ist die Ausstellung den ganzen Tag zugänglich.
KASP Resonance Space – Multifunktionsraum in Gebäude 10, offen für alle. Ab 10:30 Uhr zugänglich, parallel zum Tagesprogramm: mitmachen, den Künstler:innen begegnen, zuschauen – oder einfach ausruhen. Der Raum ist ausdrücklich auch als Rückzugsort gedacht, wenn der Tag zu dicht wird. Um 16:45 Uhr führt ein Rundgang durch die einzelnen Praktiken.
BARRIEREFREIHEIT
Alle Gebäude des Campus sind rollstuhlgerecht und für blinde und sehbehinderte Menschen erschlossen; jedes hat einen barrierefreien Eingang und Aufzüge. Wenn Sie Unterstützung beim Weg zwischen den Gebäuden, eine Begleitung oder einen reservierten Platz benötigen, melden Sie sich gern vorab oder bei der Registrierung.
GUT ZU WISSEN
Sprachen. Die Beiträge finden auf Deutsch oder Englisch statt. Die Sprache des jeweiligen Beitrags ist im Book of Abstracts an der Sprache des erstgenannten Abstracts erkennbar; das Book of Abstracts ist auch online einsehbar.
Mitgliederversammlung. Die Mitgliederversammlung der gtf ist für alle Interessierten offen. Parallel dazu ist der KASP Resonance Space für alle offen.
WLAN. Das Netz eduroam ist für alle Angehörigen teilnehmender Hochschulen zugänglich. Wer keinen Zugang über die eigene Institution hat, bekommt einen Gastzugang an der Registrierung.
Vollständiger Lageplan. Der Plan oben zeigt nur die Orte des Symposiums. Den Gesamtlageplan der Hochschule mit allen Eingängen und Aufzügen finden Sie unter frankfurt-university.de.
Dokumentation. Während der Tagung wird fotografiert und teilweise gefilmt. Wenn Sie nicht abgebildet werden möchten, sagen Sie uns bitte Bescheid.
Kontakt am Tag. Prof. Dr. Sebastian Matthias · 069 1533 4483 · sebastian.matthias(at)fra-uas.de Änderungen vorbehalten.
PROGRAMM
- 10:00 - 10:45 Uhr | OPENING (deu)
Grußworte der Hochschule, Eröffnung mit anschließender Ausstellungseröffnung „scores of change“
Vize-Präsidentin Susanne Rägle, Pro-Dekanin Carola Berneinser, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Sebastian Matthias
Gebäude 4, AUDIMAX
- 10:45 - 11 Uhr | BREAK
11:00 - 12:30 Uhr
PANEL 1 (deu)
Social Choreographies
Moderation: Dominika Cohn
Gebäude 4, AUDIMAX
„Stadtchoreografien: Venedig und der situationistische Fotoromanzo“
Christina Thurner
„Moving with the Ocean. Die körperliche Erfahrung des Klimawandels im Pazifik“
David Castillo
„Die Kunstwürdigkeit bewegter Zusammenkünfte im partizipativen Kontext“
Ulrike Wörner von Faßmann
PANEL 2 (deu/eng)
transformative meetings
Moderation: Anastasia Paschalidou
Gebäude 4, RAUM 109/110
„Zur Rekonstruktion von Bildungsfiguren bei jugendlichen Zuschauer:innen bei der Rezeption von zeitgenössischem Tanz“
Julia Brennecke, Susanne Dreßler, Verena Freytag
„Im Zeichen der Krise: Die Vielfalt tänzerischer Emotionen aus Sicht einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“
Stephani Howahl
PANEL 3 (eng)
(Anti-)Visual cultures and dance
Moderation: Isa Wortelkamp
Gebäude 4, RAUM 111/112
„Can AI Dance?“
Gerko Egert
„Choreography of the Tacit and Systems of Knowledge“
Ingrid Cogne
„Searching for Darkness“
Nefeli Gioti
PANEL 4 (deu)
Audiodeskription
Moderation: Christiana Rosenbaerg-Ahlhaus
Gebäude 2, BEWEGUNGSRAUM E10
„Choreographies of Care. Integrierte Audiodeskription als choreografische und dramaturgische Praxis der Veränderung“
Anna Laura Wieczorek
„Frames verschieben: künstlerische, integrierte Audiodeskription als choreografisches Werkzeug“
Mel Brinkmann, Janine Süß
- 12:30 - 13:45 Uhr | LUNCH BREAK
13:45 - 14:45 Uhr
KEYNOTE 3 (eng)
Making Ourselves Unusable for Fascism
Bojana Cvejić
Moderation: Sebastian Matthias
Gebäude 4, AUDIMAX
- 14:45 - 15:00 Uhr | BREAK
15:00 - 16:30 Uhr
PANEL 5 (eng)
dance and (non-)conflict
Moderation: Gerko Egert
Gebäude 4, AUDIMAX
„Responsability amongst friends as a way of imagining a collective, peaceful dancing body“
Jutta Krauß
„Dance Against the Dictatorship: Aesthetic Transformations in Brazil“
Fernanda Ermelindo Rodrigues
„Keep in Motion: Choreographies of Transformation and Resistance“
Jitka Pavlišová
PANEL 6 (deu)
kulturelle Praktiken in Transformation
Moderation: Lisa Schmidt
Gebäude 4, RAUM 109/110
„Signifier und kulturelle Codes: Aushandlungsprozesse urbaner Tanzkulturen im Bühnenkontextz“
Friederike Frost
„Paartanzvermittlung als Dispositiv: Körperpolitiken, Normierung und choreografische Transformation“
Friederike Reif
„Tauschen und Teilen in verschiedenen tänzerischen Kontexten“
Renate Bräuninger
PANEL 7 (deu/eng)
choreographic perspectives on communication
Moderation: Anja Arend
Gebäude 4, RAUM 111/112
„Learning as Performance: meeting unknown territories as a collective choreography“
Leo Kees
„Tanz und Choreografie in der Begleitung von Veränderungsprozessen“
Isa Wortelkamp
PANEL 8 (deu)
Zusammen kommen
Moderation: Katharina Stephan
Gebäude 2, BEWEGUNGSRAUM E10
„Einsam Tanzen Bringt Nichz – Vortrag, Performance, Spielraum“
Bianca Kruppa
„Holding – in turn“
Sophia Estel, Annika Kühn
- 16:30 - 16:45 Uhr | BREAK
16:45 - 19:00 Uhr
PANEL 9 (deu)
Tanzforschungspreis und Mitgliederversammlung gtf
Verleihung des Tanzforschungspreises (bis 17:30), anschließend Mitgliederversammlung
Vorstand, Beirat und Mitglieder
Gebäude 4, RAUM 111/112
PANEL 10 (eng) · bis 18:30
Studio Tour „Making Room for Each Other – KASP in Practice“
Rundgang durch die einzelnen Praktiken
Jihae An und Beteiligte
Gebäude 10, MULTIFUNKTIONSRAUM 07/08
PANEL 11 (eng) · 18:30 - 19:00
„Etwas passiert. Oder: Wer choreografiert hier wen?“
Moderation: Katharina Stephan
Mareike Buchmann
Gebäude 2, BEWEGUNGSRAUM E10
Jihae An mit Nina Lenz, Leander Ripchinsky, Frida Laux, Olcay Acet, Nazanin Bahrami, Larissa Bertonasco, Nina DeLudemann, Nastya Dzyuban, Okyanus Delphina Hennig, Naho Matsuda, Ira Melkonyan, Svetlana Mijić, Charlotte Perka, Anja Schneidereit (Frankfurt a. M.): Making Room for Each Other – KASP in Practice [participatory exhibition] (eng)
Der KASP Resonance Space lädt ein, Kunst als soziale Praxis mit den Alumni des Jahrgangs 2023–2025 zu erkunden: mitzumachen, den Künstler:innen zu begegnen, zu beobachten oder einfach auszuruhen. Der begehbare Raum öffnet um 10:30 Uhr und ist parallel zum Tagesprogramm zugänglich; um 16:45 Uhr führt ein Rundgang durch die einzelnen Praktiken.
Geplant sind unter anderem die KASP Library mit Giant Bed zum Blättern in Workshop-Büchern und für Pausen; ein Community Stitch auf einer Tischdecke; die Aktivierung des zehn Meter langen Super-fan Scarf; Vorlesestunden von Together Practice e.V.; ein Technodrift in den nahen Park und zurück; ein Silent Walk durch den Stadtraum, ohne gemeinsame Sprache oder Vorwissen; ein Bewegungsworkshop zu Sicherheitsarbeit, Verletzlichkeit und Body-Checks; eine Tee-Stage mit den Interkontinentalen Gärten sowie Food-Dating und Zeichnen.
Die Publikation aus der Pilotphase gibt Einblicke in die Arbeit der Alumni; Poster, Objekte und Videoclips stellen die nächste Programmphase und ihre künstlerischen Forschungsprojekte vor. Angesiedelt an der Frankfurt University of Applied Sciences und in Kooperation mit der Hessischen Theaterakademie und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a. M. (HfMDK) verbindet KASP Weiterbildung mit künstlerischer Forschung in sozialen Kontexten.
Der Raum öffnet eine gemeinsame Frage: Wie lassen sich Beziehungen, die in künstlerischer Praxis entstehen, über ein befristetes Projekt hinaus tragfähig halten?
-
Jihae An ist Künstlerin, Vermittlerin und Kuratorin mit Arbeitsschwerpunkt in Offenbach an Main. Sie leitet den Studiengang Kunst als soziale Praxis (KASP) an der Frankfurt University of Applied Sciences. Kunst als soziale Infrastruktur setzend entwickelt sie Situationen, räumliche Rahmenbedingungen und wiederkehrende Formate für kollektives Handeln in öffentlichen und sozialen Kontexten. In ihrer Zusammenarbeit mit Nachbarschaften, Kulturinstitutionen und sozialen Organisationen untersucht sie, wie Beziehungen, die durch künstlerische Praxis entstehen, zu Strukturen gemeinsamer Verantwortung werden können. Zu ihren Projekten zählen Interkontinentale Gärten, das Gemeinschaftsprogramm Wetter Mi. bei SCAPE° sowie künstlerische Arbeiten in Frauenhäusern. Zuvor unterrichtete sie experimentelle Raumkonzepte an der HfG Offenbach und erwarb einen Master-Abschluss an der Muthesius Hochschule für Bildende Künste und Design in Kiel. Am KASP verbindet sie künstlerische Praxis mit Lehre, Forschung und dem Aufbau langfristiger Kooperationen.
Nina Lenz arbeitet an der Schnittstelle von künstlerischer Praxis, Sozialer Arbeit und Stadtgesellschaft. Seit 2001 ist sie in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit tätig, unter anderem in Jugendhilfe, Kindertagesstätten und Offener Jugendarbeit. Seit 2009 arbeitet sie freischaffend als Theaterpädagogin (BuT) und Regisseurin mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Ein Schwerpunkt ihrer Praxis liegt auf partizipativen und performativen Formaten im urbanen Raum. Seit 2018 ist sie in der Stadtteilarbeit tätig und war im Künstlerhaus und soziokulturellen Zentrum zeitraumexit in Mannheim am UTOPOLIS-Projekt Social Body Building beteiligt. Im Rahmen von Kunst als soziale Praxis forscht sie im Schwerpunkt Shaping Social Conditions zu der Frage, wie künstlerische Interventionen soziale, räumliche, diskursive und institutionelle Anschlussprozesse anstoßen und weiterführen können. Ausgangspunkt ihrer Forschung ist Ludwigshafen und das Social Innovation Lab (SoIL).
Leander Ripchinsky ist Künstler, Performance-Macher, Dramaturg und Vermittler mit Arbeitsschwerpunkt in Frankfurt seit 2018. Seine in kollektiven Verbünden entwickelten Arbeiten binden häufig auf spielerische Weise das spezifische Publikum und die jeweilige Aufführungssituation mit ein. Mit einem Schwerpunkt auf Fluxus-artigen Aktualisierungen verknüpft er Ästhetiken und Praktiken aus unterschiedlichen Disziplinen, wobei ihm der Prozess und das performative Immer-wieder-Neu-Hervorbringen besonders am Herzen liegen. Er studierte Filmwissenschaft und Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und machte parallel seinen Abschluss als Theaterpädagoge (BuT) in Heidelberg. Anschließend nahm er das Studium der Angewandten Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen auf. Bevor er abschloss, war er Teil der Regieklasse der Otto-Falckenberg-Schule München (2014/15) und wirkte bei zahlreichen Performances mit.
Frida Laux ist Künstlerin, Vermittlerin und Wissenschaftlerin im Bereich Sozialer Praktiken. Aus dem Feld von Tanz und Choreografie kommend umfasst ihre Arbeit künstlerische Praktiken, Gemeinschaftsarbeit, Moderation, Forschung und Kuration. Ihr Interesse gilt Kunst als prozessbasierter und (kon)textueller Praxis und dem Körper als Ort von Wissensproduktion sowie alternativer Sinnherstellung; sie untersucht solche Praktiken im Kontext sozialer und politischer Imagination, die die Wahrnehmung dessen zu verändern vermögen, was ist und was sein kann. Sie studierte an der Folkwang Universität der Künste und hat einen Master-Abschluss in Choreografie und Performance vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Paradance (2019), Access and Exhaustion (2021) und What is Still Possible from the Place Where We Stand? (2026). Sie ist an der Mitorganisation des Performing Arts Forum in Frankreich beteiligt und war von 2023 bis 2026 Leiterin des Aufbaustudiengangs Kunst als Soziale Praxis an der HfMDK Frankfurt.
Olcay Acet (sie/ihr) ist Künstlerin in sozialen Praktiken, Gestalttherapeutin und Betreuerin in Frankfurt. Sie interessiert sich für das, was geschieht, wenn Menschen zusammenkommen ohne bereits zu wissen, was etwas werden soll. In ihrer künstlerischen Arbeit setzt sie sich mit Begegnung, Wahrnehmung, Sprache und denjenigen Geschichten auseinander, die Menschen über sich selbst und die Welt um sie herum erzählen. Sie arbeitet mit Partizipation, Spiel, Performance, Video und Audio und ist für verschiedene Formen und Ansätze künstlerisch-sozialer Praktiken offen. Sie glaubt, dass Kunst Raum für Dinge schaffen kann, die schwer sind, direkt in Worte zu fassen: Sie kann unsere Perspektive verändern, unerwartete Begegnungen schaffen und uns etwas erfahren lassen, noch bevor wir es erklären müssen.
Nina DeLudemann entwickelt ausgehend von Fragen zu Erinnerung, Migration, Spuren und Zugehörigkeit ortsspezifische Arbeiten, die mit bestehenden Räumen und urbanen Situationen interagieren. Ihr besonderes Interesse gilt der Frage, wie sich alltägliche Begegnungen zu langanhaltenden Formen des Austauschs entwickeln können. Sie wurde 1993 in São Paulo geboren und hat biographische Verbindungen zu Brasilien, den Vereinigten Staaten, Deutschland und Vietnam. In ihrer interdisziplinären künstlerischen Praxis verbindet sie Fotografie, Textil, Installation, Performance und Interventionen. Ihre Praxis ist prozess- und materialbasiert mit einem Schwerpunkt auf der Umnutzung bestehender Materialien und Strukturen. Fundstücke, Produktionsreste und urbane Elemente werden in neue Kontexte und Beziehungen überführt. Ihre Arbeit entsteht oft in Kooperation mit anderen und durch den direkten Austausch mit dem jeweiligen Ort und ihren Nutzer:innen.
Naho Matsuda ist eine deutsch-japanische bildende Künstlerin. Sie hat in Tokio, London und München studiert und lebt und arbeitet in München. In ihren Arbeiten widmet sie sich der Kommunikation und den Machtstrukturen von Menschen und ihrer technologischen und natürlichen Umwelt. Ihre Arbeitsweise ist prozessorientiert und ortsspezifisch, oft unter Einbeziehung von lokalen Menschen und Lebewesen. Naho arbeitet mit einer Vielfalt von Medien und Materialien: von Zeichnungen, Drucken und Webseiten bis zu Videoarbeiten, Installationen und Performances. Sie stellt international aus und nimmt regelmäßig an Künstlerresidenzen teil. Im Resonanzraum der Konferenz zeigt sie ihr Projekt Soft Skills und ihre Recherche über ‚Body Checks‘.
Ira Melkonyan (she/they) ist eine ukrainisch-maltesische Künstlerin und Biologin, deren Arbeit die Bereiche Theater, Performance, Literatur, Zeichnung und Installation umfasst. Sowohl in Wissenschaft als auch Kunst verwurzelt untersucht Iras Praxis die Beziehung zwischen lebender Materie, den Sinnen und der Politik und fragt, welche neuen Zukunftsperspektiven möglich sein könnten, wenn wir die Welt mit anderen Augen betrachteten. Zusammen mit Jimmy Grima leitet Ira the rubberbodies (gegründet 2009), ein forschungsbasiertes Kunstkollektiv, das über Archive, Pädagogik und performative Praktiken arbeitet.
Anja K. Arend, Sebastian Matthias und Studierende (Essen / Frankfurt a. M.): scores of change [exhibition]
Das menschliche Leben hinterlässt Spuren in Zeit und Raum. Wir sind ständig in Bewegung – und wollen doch etwas bewahren: Wir kartografieren unser Selbst, unsere Umgebung, unser Tun, zeichnen Pläne für die Zukunft sowie Spuren des Vergangenen. Der Mensch ist ein (be)zeichnendes Wesen, als ‚Homo creans‘ zugleich ein schöpferisches und ein zutiefst soziales: Er möchte seine Lebensbewegungen mitteilen und mit anderen vollziehen.
Die Ausstellung ist Ergebnis eines interdisziplinären Seminars der Masterstudiengänge Tanzkomposition der Folkwang Universität der Künste (Leitung: Anja Arend) und Performative Künste in Sozialen Feldern der Frankfurt University of Applied Sciences (Leitung: Sebastian Matthias). Im Sommersemester 2026 gingen sie der Frage nach: Wie formt das, was und wie wir aufschreiben, was wir uns vorstellen können – und dadurch, was letztlich möglich wird?
Die Exponate verstehen ‚Scores‘ als multidimensionale Entitäten, die Bedeutungen zugleich dokumentieren und hervorbringen. Sie schreiben physische, emotionale und prozessuale Bewegungen fest und bergen das Potenzial, unsere Horizonte zu erweitern. Wie können wir, changierend zwischen Gegenwärtigem und Zukünftigem, festhalten, ohne zu ‚fest‘ zu halten?
Besonders ist die Pluralität der Kontexte: Manche sind Zwischenstände zwischen Handlungsraum und Theorie, andere eröffnen neue Sprachen und Praktiken, wieder andere erwachsen aus bestehenden Projekten – als Dokumentation, Handlungsanweisung oder bewusste Irritation.
Beteiligte Studierende der Folkwang Universität der Künste: Maya von Ahnen, Xindi Chen, Steven Höhn, Chung Can Tung, Yun Chu Wen, Tetiana Znamerovska. – Frankfurt University of Applied Sciences: Max Blank, Malte Borgfeldt, Jana Gombert, Lisa Hollweger, Nele Jochimsen, Julia Klockow, Lea Klopfer, Elli Leonhardt, Elena Löffler, Xenia Martin, Katharina Neuschütz, Novski, Elisa Raber, Lee Schmidt, Lars Wagner, Jo Wenzl, Mira Estella Zimmermann.
-
Anja K. Arend ist Tanz- und Musikwissenschaftlerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgenössischen Tanz der Folkwang Universität der Künste in Essen, wo sie Tanzgeschichte und Tanzwissenschaft lehrt und das Folkwang Tanzarchiv leitet. Nach dem Studium der Musik und des Tanzes, ergänzt um Geschichte und Theologie, promovierte sie an der Universität Salzburg. Ihre Forschung gilt der Tanzgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, der Geschichte, Theorie und Praxis der Tanznotation, praxeologischen Perspektiven und der Verflechtung von Musik und Tanz.
Sebastian Matthias ist seit 2024 Professor für Tanz als forschende Praxis in sozialen Feldern an der Frankfurt University of Applied Sciences. Nach dem B.F.A. Dance an der Juilliard School tanzte er am Tanztheater Nürnberg und bei Hubbard Street Dance Chicago; seit 2007 arbeitet er freischaffend als Choreograf, u. a. mit der Serie groove space (2014–2016), ghosting (2018, Königlich Dänisches Ballett) und Urban Creatures (2021, Theater Basel). Er studierte Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin und wurde 2018 an der HafenCity Universität Hamburg promoviert (Gefühlter Groove – Kollektivität zwischen Dancefloor und Bühne, transcript 2018). Seit 2024 ist er Affiliate Scholar am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) in Potsdam.
Renate Bräuninger (Berlin): Tauschen und Teilen in verschiedenen tänzerischen Kontexten [lecture] (deu)
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Austausch zwischen professionellen Tanzschaffenden und Amateuren ein wichtiger Bestandteil der künstlerischen und sozialen Praxis. Dies reicht vom Teilen eines ‚gemeinschaftlichen Körpers‘ in Bewegungschören bis hin zur Übertragung des Körpergewichts in der Kontaktimprovisation. Dazu gehört auch die Weitergabe choreografischer Prozesse, wie sie im Rahmen des fABULOS Rosas Remix-Projects (2013) sowie ähnlicher Projekte erfolgt ist. Damit hat der künstlerische Tanz im 20. Jahrhundert versucht, Praktiken wiederzuentdecken, die immer schon Bestandteil fast aller ethnischen Gemeinschaften waren: das gemeinsame Tanzen und die Weitergabe von Körperwissen an künftige Generationen.
Institutionen wie Aufführungsorte und Bildungseinrichtungen spielen eine entscheidende Rolle dabei, Arten des Austauschs und der Teilhabe zu ermöglichen. Dies ist jedoch nicht unproblematisch, wie die Normierung der Praktiken rund um die Judson Church in Bildungseinrichtungen, beispielsweise im Vereinigten Königreich, zeigt. Kontaktimprovisation kann als elitär angesehen werden, da sie in der weißen oberen Mittelschicht verankert ist. Wie kann der Austausch Kunst inklusiver machen, ohne von der Politik instrumentalisiert zu werden, und wie können Institutionen unterschiedlicher Art dabei helfen? Wie lassen sich künstlerische und pädagogische Ziele in Einklang bringen, um positive Ergebnisse für alle Teilnehmenden in verschiedensten Community-Tanzprojekten zu gewährleisten?
-
Renate Bräuninger hat an mehreren deutschen und britischen Universitäten gelehrt, zuletzt an der University of Northampton. Sie publiziert sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Über ihre Lehre kam sie in Kontakt mit Community-Projekten und mit Practice-as-Research. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Choreo-Musikologie und Performance-Philosophie. Ihre Arbeit befasst sich außerdem mit Fragen zu Archiven, Notation und Interpretationsansätzen sowie mit den Prozessen, in denen Bedeutung entsteht. Sie ist interdisziplinär ausgebildet als Musikwissenschaftlerin und als Tanzwissenschaftlerin.
Julia Brennecke, Susanne Dreßler, Verena Freytag (Kassel): Zur Rekonstruktion von Bildungsfiguren bei jugendlichen Zuschauer:innen bei der Rezeption von zeitgenössischem Tanz [lecture] (deu)
Entwicklungsaufgaben wie Autonomieentwicklung, der Umgang mit sich verändernden Gesellschaftsstrukturen, Diversität und Digitalisierung stellen junge Menschen in der Adoleszenz vor Herausforderungen. Künste bieten durch ihre Offenheit, Provokanz und nicht-normative Perspektive auf Individuum und Gesellschaft ein Erprobungsfeld für junge Menschen. Es stellt sich die Frage, inwiefern speziell der Tanz Jugendliche in ihrer Umbruchsphase stärken kann. Uns interessieren dabei besonders Übergangsmomente, Brüche und Krisenmomente jugendlicher Rezeptionserfahrung. Wir sehen hierin Möglichkeiten, im Sinne einer transformatorischen Bildungstheorie (vgl. Koller 2012) Bildungsprozesse anzustoßen und Jugendlichen in einer Phase individueller Transition thematische Angebote zur Aushandlung relevanter Fragen zu liefern. Dabei geht es auch um den Umgang mit Ungewissheit und Ambiguität als Lernfeld.
Der Vortrag stellt ausgewählte Ergebnisse aus der Studie Watchin’ Dance zur Diskussion. Das Projekt ist als Mixed-Method-Studie konzipiert, wobei qualitative Interviews mit phänomenologischen Vignetten (vgl. Baur & Schratz 2015) trianguliert werden. Projektziel ist es, individuelle Erlebnisqualitäten von Jugendlichen bei der Rezeption von zeitgenössischem Tanz zu identifizieren (vgl. Freytag et al. 2024). Das Projekt widmet sich einem Desiderat der kulturellen Bildungsforschung im Tanz, deren Fokus zuletzt auf dem gestalterisch-kreativen Tun und der Tanzvermittlung lag (vgl. Neuber et al. 2020).
-
Julia Brennecke ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Musikpädagogik und Ästhetische Bildung an der Universität Kassel. Sie forschte im Rahmen ihrer Abschlussarbeit im Lehramtsstudium zur Rezeption von zeitgenössischem Tanz und arbeitet seit 2024 in dem Forschungsprojekt Watchin’ Dance – Wie Jugendliche Tanz rezipieren.
Susanne Dreßler ist Professorin für Musikpädagogik an der Universität Kassel. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind u. a. die qualitativ-empirische Erforschung von musikpädagogischen Projekten zur Schul- und Unterrichtsforschung. Außerdem widmet sie sich im hermeneutischen Forschungsstil ausgewählten grundlagentheoretischen Fragen zur musikalisch-ästhetischen Bildung.
Verena Freytag ist seit 2014 Professorin für Ästhetische Bildung und Bewegungserziehung an der Universität Kassel. Sie lehrt dort im bildungs- und gesellschaftswissenschaftlichen Kernstudium im Grundschullehramt und engagiert sich für die Weiterentwicklung der ästhetisch-kulturellen Bildung in der Lehrer:innenbildung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der qualitativen tanzpädagogischen Forschung sowie in der Lehrer:innenbildungsforschung im Kontext ästhetisch-kultureller Bildung.
Mel Brinkmann, Janine Süß (Nürnberg / Berlin / Erlangen): Frames verschieben: künstlerische, integrierte Audiodeskription als choreografisches Werkzeug [performance] (deu)
Wie kann künstlerische, integrierte Audiodeskription als Teil der ‚Aesthetics of Access‘ wahrnehmbar machen, was im Sichtbaren systematisch ausgeblendet wird?
In einem performativen Gespräch untersuchen die blinde Autorin Janine Süß und die sehende Choreograf:in Mel Brinkmann das Potenzial künstlerischer Audiodeskription (AD) als choreografisches Werkzeug, um Wahrnehmungsordnungen zu irritieren und zu transformieren. Ausgehend von ihrer bisherigen Zusammenarbeit gehen sie der Frage nach, wie AD nicht nur Sichtbares beschreibt, sondern aktiv choreografiert: Aufmerksamkeiten lenkt, Hierarchien verschiebt und jene Körper und Perspektiven wahrnehmbar macht, die im dominanten ‚Frame‘ unsichtbar bleiben.
Die szenische Lesung findet im Dunklen statt und verbindet tanztheoretische Überlegungen und künstlerische Inklusionspraktiken mit Textausschnitten aus der Tanz-Performance Zones of Simulation: Choreografien ziviler Körper im militärischen Training. Audiodeskription wird als widerständige Praxis innerhalb künstlerischer Prozesse verstanden. Indem sie den Fokus verschiebt, kann sie hegemoniale Blickregime unterlaufen. Die Lesung erprobt eine AD, die nicht nur beschreibt, sondern interveniert, spürbar macht und aufzeigt, wie der Blick auf Choreografie Machtdynamiken verändern kann.
-
Mel Brinkmann (*1995 in Nürnberg) ist Tanz- und Performancekünstler:in. Mels Arbeiten entstehen in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Menschen. Ausgehend von einer extremen Sensibilität für innere Auseinandersetzungen innerhalb politischer Diskurse experimentiert Mel mit Tanz, Bewegung, Bild, Sprache und Sound, um bestehenden Machtverhältnissen zu widersprechen. Nach Mels Training an der IWANSON international und OPUS Ballet Florenz im zeitgenössischen und klassischen Tanz studierte Mel am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, absolvierte den Masterstudiengang Activism and Performing Arts an der Uniarts Stockholm und war Stipendiat:in des internationalen Austauschprogramms CHANGE NOW!.
Janine Süß lebt in Erlangen und ist mit 16 Jahren späterblindet. Nach mehreren Weiterbildungen im Bereich Audiodeskription für Film und Serien, Schauspiel, Oper und Tanz hat sie bereits Erfahrungen am Staatstheater Nürnberg gesammelt. Sie arbeitet sowohl mit klassischer als auch mit künstlerischer Audiodeskription. In ihrem letzten Projekt als Autorin für die Tanzperformance Zone of Simulation an der Tafelhalle Nürnberg setzte sie sich mit dem US-Militär in Hohenfels auseinander. Da ihr Inklusion und Barrierefreiheit sehr wichtig sind, berät sie bei unterschiedlichen Veranstaltungsformaten wie Festivals oder Performances zu Accessibility-Themen. Unter anderem wird sie beim internationalen Theaterfestival in Nürnberg 2026 ihre Expertise einbringen.
Mareike Buchmann (Wiesbaden): Etwas passiert. Oder: Wer choreografiert hier wen? [performance] (eng)
Ein offenes, instabiles Gefüge aus Theremin, Looper, Mixer und Bewegung bildet den Ausgangspunkt meiner Soundperformance. Als Bewegungsforscherin bin ich Teil dieses Ensembles geteilter Wirksamkeiten, in dem sich menschliche und nicht-menschliche Akteur:innen gegenseitig affizieren, irritieren und zur Erscheinung bringen.
Kleinste Bewegungen verändern das elektromagnetische Feld. Werden Klang. Klang verändert Aufmerksamkeit. Berührt die nächste Bewegung. Aufmerksamkeit schweift. Loops verschieben Zeit. Sound erscheint. Tanz im offenen Gefüge. ‚Mit-Körperschaft‘ in Bewegung.
Die Teilnehmenden sind eingeladen, sich auf dieses offene Gefüge einzulassen. Im Liegen oder Sitzen, mit offenen oder geschlossenen Augen.
-
Mareike Buchmann ist Performancekünstlerin, Bewegungsforscherin und promovierte Tanzwissenschaftlerin. In ihrer Arbeit interessiert sie sich für das poetische Potential des Körpers. Um die Vielfalt verkörperter Erfahrungen in Material zu überführen, arbeitet sie mit Performance, Tanz, Text, Zeichnung, Sound und Objekten. Mareike lehrt in verschiedenen Kontexten zwischen Theorie und Praxis und entwickelte mit SYMSOMA eine eigene Form der Bewegungsforschung, die sie in Workshops und Seminaren vermittelt. Neben eigenen künstlerischen Projekten ist sie künstlerische Leiterin des Performance-Ensembles IDA FLUX, Mentorin für Nachwuchskünstlerinnen sowie Vorstandsmitglied von Dance Nexus e.V.
David Castillo (Bern): Moving with the Ocean. Die körperliche Erfahrung des Klimawandels im Pazifik [lecture] (deu)
Der anthropogene Klimawandel rückt südpazifische Inselstaaten aufgrund ihrer prekären Existenz in den Fokus globaler Aufmerksamkeit. Der prognostizierte Anstieg des Meeresspiegels stellt eine reale Bedrohung für die Inselbewohner:innen dar – bereits im nächsten Jahrzehnt könnten laut aktuellem IPCC-Bericht die ersten Inselstaaten unbewohnbar sein. Die Prekarität südpazifischer Inselstaaten und ihrer Bewohner:innen verschärft sich dadurch, dass erzwungene Migration aufgrund klimatischer Bedingungen nach gängigen rechtlichen Definitionen noch nicht als Fluchtgrund anerkannt wird.
Vor diesem Hintergrund und im Rahmen meines Promotionsprojekts (2024–2028) befasst sich mein Vortrag mit der körperlichen Erfahrung der Klimakrise. Von September 2025 bis August 2026 werde ich mit Bewohner:innen aus dem Südpazifik in Aotearoa/Neuseeland und Tuvalu zusammenarbeiten. Im Rahmen der ethnografischen Arbeit werde ich mich darauf konzentrieren, wie Einzelpersonen klimatische Veränderungen durch körperliche Praktiken und Techniken wahrnehmen.
Ich bin überzeugt, dass die Tanzwissenschaft dazu beitragen kann, die Klimakrise als ein greifbares und spürbares Phänomen zu fassen, das bereits erlebt wird – nicht nur von geografischen, sondern auch von menschlichen Körpern.
-
David Castillo studierte Tanzwissenschaft an der Universität Bern. Seit November 2024 arbeitet er im SNF-Projekt Soziale Choreografien an seiner Dissertation, die sich mit der körperlichen Erfahrung des Klimawandels im Südpazifik auseinandersetzt (Aotearoa und Tuvalu). David besucht das Doktoratsprogramm Global Studies und ist Teil des Forschungsclusters Ecology & Community: Cultural Environmental Perspectives. Von September 2025 bis August 2026 ist er Gastwissenschaftler an der University of Waikato.
Ingrid Cogne (Perrigny-lès-Dijon): Choreography of the Tacit and Systems of Knowledge [lecture] (eng)
Wie lassen sich die Parameter einer Begegnung zwischen Individuen und Wissen lesen, bewohnen, verkörpern?
Wenn man davon ausgeht, dass ein Wissenssystem der Ort ist, an dem das ‚Materielle‘ zu dem wird, was es ist, dann ist wesentlich zu erkennen, dass ebendieses System auch der Ort ist, an dem das ‚Immaterielle‘ definiert wird. Ein dualistischer Zugang impliziert eine Grenze und könnte das ‚Immaterielle‘ ausschließen. Der Diskurs des Wissenssystems ordnet Elemente in Kategorien ein, und die Grenze legt Positionen fest.
Wissen ist in Bewegung, und choreografisches Wissen ist das Wesen von Artikulation und Re-Artikulation. Kommunikation steht im Zentrum des Ereignisses der Begegnung, das ein notwendiges und strukturelles Moment der Improvisation enthält – ein Moment, das dazu ermutigt, Positionierungen und Repräsentationen über die Wahrnehmung herauszufordern. Die Verbindung von praktischem und implizitem Wissen – ‚wie bewegen‘, ‚wie mit anderen sein‘, ‚wie Relation(alität)en ermöglichen‘ – braucht eine Situation, die im Prozess ihres Entfaltens ‚Gestalt‘ annimmt: eine Situation als ‚Dispositiv‘, in der optische, akustische und energetische Wahrnehmungen im Spiel sind. Die Vielschichtigkeit der angesprochenen Wahrnehmungen eröffnet vielfältige Möglichkeiten, die zirkulierenden Inhalte zu filtern – zu lesen, zu verstehen, zu interpretieren, neu zu lernen –, während die Modalitäten ihres Erscheinens sich beständig ändern und unterschiedliche Zeitlichkeiten haben.
Hier ermöglicht das Dramaturgische die choreografische Komposition und verlangt, die Aufmerksamkeit auf das ‚Wie‘ zu richten, um Raum für (Re-)Artikulation zu schaffen.
-
Ingrid Cogne ist Künstlerin, Facilitator und Wissenschaftlerin und arbeitet an der Schnittstelle von Choreografie, bildender Kunst und Akademie. Cognes Arbeiten wurden im choreografischen, künstlerischen und/oder wissenschaftlichen Feld entwickelt, re-präsentiert und gefördert. Sie leitete die künstlerisch-forschenden Projekte The dramaturgy of conversation (FWF, 2019–2025), Im/material Fashion in Education (KMD-UiB, 2024), Six Formats (FWF, 2015–2018) und Kunskap i Rörelse (Dansbyrån, 2015–2016). Cogne ist Herausgeberin und (Mit-)Autorin der Publikationen Dansbaren – The Mob without Flash (2016) und For and by Six Formats (2018).
Bojana Cvejić (Oslo): Making Ourselves Unusable for Fascism [keynote] (eng)
Der Vortrag teilt eine Perspektive aus Choreographing Antifascism, einer im August 2025 begonnenen langfristigen Untersuchung in Brüssel, Oslo, Zagreb und Belgrad. Das Projekt hat Künstler:innen, Praktiker:innen und Aktivist:innen um jene kollektiven Methodologien versammelt, die in experimentellen Performancepraktiken – insbesondere im Tanz – und in einem der Solidarität verpflichteten politischen Aktivismus am Werk sind. Choreografie ist hier keine Metapher; sie meint das Know-how, das in horizontalen Prozessen der Selbstorganisation entsteht, sei es in Künstler:innenkollektiven oder in politischen Gemeinschaften, die von der gegenwärtigen autoritären Wende ins Visier genommen werden. Selbstorganisierte künstlerische Arbeit setzt voraus, dass Zusammenarbeit zugleich Mittel und Ziel ist – denn was sie letztlich probt, sind soziale Beziehungen, die auf Sorge statt auf Konkurrenz beruhen. Antifaschismus, ein eher opaker Begriff, taucht jenseits seiner historischen Spaltungen und jenseits des Labels ‚Antifa‘ als geteilter Horizont wieder auf und macht die Notwendigkeit von Solidarität geltend – zwischen jenen, die vom gegenwärtigen Faschismus betroffen sind, und jenen, die handeln können.
Ausgehend von den Parallelen und Divergenzen zwischen den 1970er Jahren – einer Zeit politischer Verzweigung um internationale Solidarität und um die Fragen von (Nicht-) Gewalt und Revolution wie auch des Experimentierens mit dem nichtfaschistischen Körper im Tanz – und gegenwärtigen Praktiken der Solidarität behandelt der Vortrag die Probleme, auf die eine solche Arbeit stößt. Er fragt zudem, was an gegenwärtigen Praktiken der Solidarität spezifisch choreografisch ist und was umgekehrt eine solche soziale Choreografie antifaschistisch macht.
-
Bojana Cvejić ist Autorin zuletzt von Dramaturgy at Work (Routledge, 2026), Toward a Transindividual Self (gemeinsam mit Ana Vujanović, Archive Books, 2023) und Choreographing Problems (Palgrave, 2015). Als praktizierende Dramaturgin, Performerin und Regisseurin hat sie zahlreiche international tourende Arbeiten mitentwickelt. Sie war maßgeblich an der Selbstorganisation kollektiver Plattformen für experimentelle künstlerische Produktion, kritische Theorie, Forschung und Selbstbildung in Europa und im ehemaligen Jugoslawien beteiligt (Performing Arts Forum, Saint-Erme, seit 2005; TkH/Walking Theory, 2001–2017), was ihre Forschung zu sozialer Choreografie, Transindividualität und antifaschistischer politischer Solidarität geprägt hat. Seit 2017 ist sie Professorin an der Oslo National Academy of the Arts (KhiO).
Melanie Dörr (Frankfurt a. M.): Was wissen wir, bevor wir wissen, woher wir es wissen? Präreflexive Wahrnehmungsprozesse als blinder Fleck der Professionalisierung in der Sozialen Arbeit [lecture] (deu)
Professionelle Entscheidungen in der Sozialen Arbeit beginnen nicht erst mit Analyse, Theorie oder Methode. Ihnen gehen präreflexive Wahrnehmungsprozesse voraus: ein Unbehagen, eine Irritation, eine Atmosphäre oder eine körperliche Reaktion. Solche Eindrücke strukturieren Urteile bereits, bevor sie bewusst reflektiert oder fachlich eingeordnet werden. Dennoch bleiben sie in Ausbildung, Lehre und Praxisreflexion weitgehend implizit.
Aus einer phänomenologisch-gestaltorientierten Perspektive sowie vor dem Hintergrund erfahrungs- und prozessorientierter Lern- und Reflexionskonzepte untersucht der Beitrag anhand praxisreflexiver Fallvignetten aus Beratung, Kinderschutz, aufsuchender Sozialer Arbeit und Supervision die Bedeutung präreflexiver Wahrnehmungsprozesse für sozialarbeiterische Praxis und ihre Relevanz für Urteils- und Entscheidungsprozesse.
Im Mittelpunkt steht die Forschungslücke, dass Professionalisierung in der Sozialen Arbeit überwiegend bei Analyse, Theorie, Methodik und Intervention ansetzt, während die Reflexion präreflexiver Wahrnehmungsprozesse weitgehend ausgeblendet bleibt. Die These lautet: Nicht die Wahrnehmung ist das Problem, sondern ihre fehlende Reflexion. Die Auseinandersetzung mit Fragestellungen der Tanz- und Somatikforschung gab den Anstoß, diese Leerstelle neu zu betrachten.
-
Melanie Dörr ist Sozialpädagogin, Kommunikationswirtin, Gestaltsupervisorin, systemische Coachin und Meditationslehrerin. Nach über zwanzig Jahren Berufserfahrung in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit lehrt sie an der Frankfurt University of Applied Sciences in den Studiengängen Soziale Arbeit: transnational (B.A.) und Psychosoziale Beratung und Recht (M.A.) sowie im Studium Generale. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen professionelle Wahrnehmung, Erfahrungswissen und Reflexionsprozesse in Beratung, Lehre und Praxisbegleitung. Ihre Arbeits- und Interessensschwerpunkte liegen in den Bereichen Gestaltansatz, Phänomenologie, Achtsamkeit und Kontemplation.
Gerko Egert (Bochum): Can AI Dance? [lecture] (eng)
Im öffentlichen Diskurs gilt KI als transformative Technologie. Der Boom generativer Systeme hat die kulturelle Produktion durchdrungen, einschließlich Bewegung und Tanz. Während zunächst Sprach- und Bildmodelle die Debatten bestimmten, verschieben jüngste Fortschritte in der Videogenerierung und der verkörperten Robotik die Aufmerksamkeit auf die Synthese von Bewegung. Der Beitrag analysiert, wie KI Bewegung ‚macht‘: über Datensätze, Bewegungsrepräsentationen, Optimierungsregime und Beschränkungen, die in Modellarchitekturen eingebacken sind. Ich schlage Tanz als epistemische Praxis vor, die die Produktionslogiken, Ästhetiken und Grenzen dieser Systeme sichtbar macht – Fragen von Präsenz und Liveness, Gewicht und Widerstand, Timing und Rhythmus, kultureller Kodierung und Bias.
Weiter befrage ich den Datenextraktivismus, der den aktuellen Modellen zugrunde liegt: das Abgreifen von Tanzvideos, Motion-Capture-Archiven und Plattform-Choreografien ohne Einwilligung, Nennung oder Vergütung; die Übersetzung von Techniken in Trainingskorpora für Foundation Models und Roboter; und die Folgen für Autorschaft, verkörpertes Wissen und Arbeit. Ich skizziere ein begriffliches Instrumentarium, das Linien von der Notation zum Datensatz, von der Probe zum Trainingsloop und von der Aufführung zur Simulation nachzeichnet – als Grundlage einer ästhetischen, politischen und regulatorischen Debatte.
-
Gerko Egert ist Tanz-, Performance- und Medienwissenschaftler und arbeitet als Dozent an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Forschung befasst sich mit Philosophien und Politiken der Bewegung, choreografischen Medien und Technologien, Logistik und Infrastruktur sowie Performance im Anthropozän. Er wurde an der Freien Universität Berlin promoviert. Zu seinen Publikationen zählen Arbeit in und am Anthropozän. Künstlerische und feministische Strategien (FKW, 2025) und Performancekunst und die Politik des Handelns (August Verlag, 2025). 2020 gründete er gemeinsam mit Julia Bee die Plattform nocturne mit. Sie publizieren zu experimenteller Wissensproduktion und organisieren Veranstaltungen radikaler Pädagogik zwischen Kunst, Wissenschaft und Aktivismus.
Fernanda Ermelindo Rodrigues (Salzburg): Dance Against the Dictatorship: Aesthetic Transformations in Brazil [lecture] (eng)
1964 stürzte ein Militärputsch die demokratisch gewählte Regierung Brasiliens und leitete eine Diktatur ein, die bis 1985 andauern sollte. Geprägt von Zensur, Überwachung und Repression formte diese Zeit die kulturelle Produktion tiefgreifend um. In dem Maße, in dem sich die Mechanismen der Unterdrückung verschärften, wuchs auch das soziale und künstlerische Engagement derer, die die Opposition bildeten.
Welche Strategien entstehen, wenn Künstler:innen zwischen Sichtbarkeit und Verbergen vermitteln müssen? Der Vortrag untersucht die Verschiebungen im Tanzschaffen, sobald jede Äußerung ständig und engmaschig überwacht wurde. Während das Militär Künste und Medien kontrollierte, entwickelten Tanzschaffende neue Formen des Ausdrucks und der Kommunikation mit dem Publikum.
Mit Blick auf Ballett, Moderne und frühen zeitgenössischen Tanz untersuche ich, wie das autoritäre Regime die Motivationen des Auftretens ebenso rekonfigurierte wie Themen und Ästhetiken. Auf der Grundlage von Archivvideos, Fotografien, Aufführungsdokumentationen und Tanzkritik bewegt sich der Vortrag zwischen historischer Kontextualisierung sowie Bewegungs- und Diskursanalyse. Durch die Gegenüberstellung von Ausschnitten choreografischer Arbeiten zeichne ich nach, wie Abstraktion, Verschiebung und Ambiguität als Wege entstehen, Zensur zu navigieren, Sichtbarkeit auszuhandeln und das Verhältnis von Körper und Bedeutung neu zu bearbeiten.
-
Fernanda Ermelindo Rodrigues ist brasilianische Tänzerin und Wissenschaftlerin mit einem Master in Tanzwissenschaft der HfMT Köln. Derzeit promoviert sie im interuniversitären Doktoratskolleg Kulturen im Wandel (Universität Salzburg und Mozarteum) zum Tanz in Brasilien während der Militärdiktatur (1964–1985). Ihr Hauptinteresse gilt der Dekolonisierung der Tanzgeschichte. Fernanda ist Mitbegründerin von Digesting Space, das bestehende Zugänge zur Tanzanalyse befragt und neue entwickelt und bei den Festivals CPA und Sommerszene in Salzburg gezeigt wurde (2025 und 2026). Sie unterrichtet außerdem Tanztheorie an der SEAD.
Sophia Estel, Annika Kühn (Berlin): Holding – in turn [workshop] (deu)
Der Workshop Holding – in turn von Sophia Estel und Annika Kühn versteht ästhetischen Widerstand als soziale und künstlerische Praxis und lädt dazu ein, dies körperlich zu erfahren. Im Zentrum steht die tänzerische Erforschung von Beziehungen zwischen Körperteilen: Während einige in ihrem Bewegungsspielraum eingeschränkt werden, nehmen andere Impulse auf und entwickeln neue Bewegungsmöglichkeiten. So entstehen dynamische Spannungsfelder zwischen Kontrolle und Loslassen, Aktivität und Passivität.
Inspiriert von skulpturalen Darstellungen untersuchen die Teilnehmenden verkörperte Formen von Umarmung, Halt und Nähe. Diese werden nicht nur nachgeahmt, sondern in Bewegung übersetzt und weiterentwickelt. Durch kontinuierlichen Bewegungsfluss und wechselnde Rollen entsteht ein kollektiver Prozess, in dem sich die Teilnehmenden gegenseitig Sicherheit, Trost und Hoffnung vermitteln.
Der Workshop ist als performativer Erfahrungsraum konzipiert, in dem eine ‚Choreografie der Veränderung‘ erprobt wird: ein Prozess, der Beziehungen, Wahrnehmungen und Handlungsmöglichkeiten verschiebt. Im gemeinsamen Erforschen wird Halten und Gehalten-Werden als soziale Praxis von Resilienz und Widerstand erfahrbar – als Antwort auf Unsicherheit, Spannung und gesellschaftliche Spaltung.
-
Sophia Estel: Ich baue Brücken und bewässere Felder mit dem Wasser der Flüsse dazwischen. Als freischaffende Performerin, Dramaturgin und Choreographin arbeite ich mit zeitgenössischem Tanz, um Menschen mit ihren Körpern in vielfältigen Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten auf Bühnen sichtbar zu machen und Zuschauende in ihrer eigenen Präsenz zu berühren. Meine künstlerische Praxis ist multidisziplinär, ko-kreativ und kollektiv angelegt. Vor meinen Ausbildungen in Improvisation, Instant Composition und zeitgenössischem Tanz studierte ich Psychologie und forschte zur Wirkweise von Tanz- und Bewegungstherapie. Diese praktizierte ich im klinischen Kontext als Kreativtherapeutin. Aktuell befinde ich mich außerdem in der Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin in Systemischer Therapie.
Annika Kühn: Als Sozial- und Kulturwissenschaftlerin begeistert mich interdisziplinäre Forschung zu sozialen und ästhetischen Praktiken. Als Leiterin für therapeutischen Tanz sind Bewegung und Tanz Praktiken für mich, um Kraft und Verbindung zu schöpfen. Als systemische und psychologische Coach berücksichtige ich Systeme, in denen Menschen leben, die sie darstellen und mitgestalten – ressourcen- und handlungsorientiert. Bewegungsspielräume zu erkunden, ist für mich eine Ressource für „[…] ein Wissen, das biegsam ist, und nicht hart wie Stein. Sinnliches Wissen bedeutet, nach Wissen zu streben, weil dieses einen erhebt und voranbringt […]“ (Minna Salami 2021).
Friederike Frost (Köln): Signifier und kulturelle Codes: Aushandlungsprozesse urbaner Tanzkulturen im Bühnenkontext [lecture] (deu)
Urbane Tanzkulturen finden vermehrt Beachtung, Wertschätzung und Eingang in den Bühnenkontext. Choreografie bietet die Möglichkeit, sich mit den Codes, Normen, Bewegungen und Musikgenres der jeweiligen urbanen Tanzkultur – sei es Breaking, Hip-Hop, Waacking, House o. a. – auseinanderzusetzen und zugleich aus deren teilweise normierten Wirkungsgefügen herauszutreten. Gleichzeitig bleiben ihre ästhetischen und kulturellen Grundlagen für die Choreograf:innen essenziell.
Aspekte wie Gemeinschaft, (politischer) Widerstand, Subversivität sowie ästhetische ‚Signifier‘ – etwa die Verwebung von Bewegung und Musik, Rhythmus und Groove, Expressivität oder spezifische Schritte – werden in choreografische Aushandlungsprozesse eingebracht und neu gestaltet.
Dieser Beitrag untersucht, wie sich Choreograf:innen mit ihrer urbanen Tanzpraxis im Bühnenkontext auseinandersetzen und eigene Methoden entwickeln, um in und durch ihre künstlerischen Prozesse die kulturelle Praxis und ihre ästhetischen Signifier sichtbar zu machen, zu verschieben und/oder neu zu verhandeln. Dabei wird gefragt, wie sich diese Prozesse als ‚choreographies of change‘ beschreiben lassen. Die Betrachtungen basieren auf einer mehrjährigen ethnografischen Feldforschung im Breaking, die – in Anlehnung an Henry Louis Gates Jr. (1986) und Thomas F. DeFrantz (2004) – den Körper als Träger kultureller Traditionen, Codes und Ästhetiken versteht. Ergänzt wird dies durch das künstlerische Forschungsprojekt Motions on the Floor.
-
Friederike Frost ist Tanz- und Sportwissenschaftlerin, Stipendiatin der Kunststiftung NRW und promoviert an der Deutschen Sporthochschule Köln. Selbst aktive Breakerin erforscht sie transkulturelle Strömungen und Identität, Ästhetik und kulturelle Einflüsse im HipHop und Breaking. Sie publiziert zu künstlerischer Forschung, Gender, Zugehörigkeit oder Call and Response; ihre Beiträge erschienen u. a. im Journal Global Hip Hop Studies, den Anthologien Global HipHopography (2023) oder Der Körper im HipHop (2026; Mitherausgeberin). Sie ist ebenso freischaffende Tänzerin und Choreografin, Jurymitglied bei internationalen Breaking-Battles wie den Olympischen Spielen 2024 in Paris, Gründungsmitglied des European Hip Hop Studies Network und gründete den @hiphopstudysunday, der Zugang zu HipHop-Studies und Tanzliteratur bietet.
Nefeli Gioti (Athens / Stockholm): Searching for Darkness [lecture] (eng)
Der Sehsinn als dominanter Wahrnehmungsempfänger der westlichen Kultur macht Dunkelheit und Verdunkelung zu Hindernissen, die zugunsten einer ‚klaren‘ Sicht überwunden werden müssen – hin zu klarer Artikulation, klarem Verstehen, klarer Kommunikation. In den westlichen darstellenden Künsten ist es verbreitete Auffassung und Praxis, die Körper der Performenden, die Bewegung und die Formen als visuellen Fokus des performativen Geschehens auf die beleuchtete Bühne zu stellen und die Zuschauenden entsprechend in die Dunkelheit zu setzen. Dunkelheit als choreografische Praxis kann die Frage nach jenen Faktoren erweitern, die in der Choreografie jenseits des Visuellen wirken – und jenseits des Sehens als Grundvoraussetzung der Bewegungserfahrung. Welche Möglichkeiten kann Dunkelheit eröffnen im Verhältnis zu jenen Narrativen, die die Hegemonie des Sehens und des Sichtbaren bekräftigen und die westliche Kunst und Weltsicht seit der Aufklärung geprägt haben? Auch der Widerstand, den Dunkelheit auf den verschiedenen Ebenen von Tanzproduktion, Forschung und Aufführung leistet, wirft eine Reihe von Fragen auf. Welche Wahrnehmungen erzeugt oder ermöglicht Dunkelheit als choreografisches Material in den Körpern von Performenden und Publikum? Welche Politiken der Ästhetik können Choreografien anbieten, die mit Dunkelheit arbeiten?
-
Nefeli Gioti is a dance researcher, choreographer and dancer. Her artistic practice includes the creation of choreographic works and performative interventions, writing texts, developing individual and collective research projects, as well as different ways of accompanying other artistic endeavours. Recently, she has been investigating the concept of debt through the project All Those Promises We Make. Together with Elena Novakovic, she is developing the research project BREAD JOBS around the status of side work. She has participated in collective publications such as A Companion to Ecofeminist Curatorial Geography, an Exercise Book, co-edited with Biljana Tanurovska-Kjulavkovski. She has been teaching feedback methods at the Department of Dance at the Stockholm University of Fine Arts and has been lecturing at the Young Dancers’ Educational Program of Korea National Contemporary Dance. She is a graduate of Environmental Sciences and Contemporary Dance Practice (Tanzfabrik, Berlin) and holds an MFA in Choreography from the Stockholm University of Fine Arts.
Nadja Haas (Berlin): Wild Turn: Listening Movement und die Politik der Nichtverfügbarkeit. Menopausale Körper als Choreografien des Wandels [lecture performance] (deu)
Die Lecture-Performance untersucht die Menopause als politischen und verkörperten ‚Turn‘ innerhalb von Performancekulturen, die von neoliberalen Idealen der Selbstoptimierung, ständigen Verfügbarkeit und Produktivität geprägt sind. Hormonelle Schwankungen, Erschöpfung, Desorientierung und Rückzug werden dabei nicht als Defizite verstanden, sondern als Signale, die zu einem anderen Verhältnis zum Körper einladen.
Ausgehend von Judith Butlers Performativitätsbegriff sowie von Karen Barad und Stacy Alaimo untersucht der Beitrag, wie menopausale Veränderungen die Grenzen des stabilen, produktiven Subjekts sichtbar machen. Wenn sich vertraute Muster von Energie und Bewegung auflösen, entstehen neue Formen der Aufmerksamkeit und des verkörperten Wissens.
Im Zentrum steht Listening Movement, eine somatische Praxis, die über drei Jahre in künstlerischer Forschung und Lehre entwickelt wurde, darunter Workshops mit Frauen zwischen 40 und 60 Jahren in Dhaka. Durch die Arbeit mit Atem, Psoas, Zittern, Stille und Orientierungsstrukturen erforscht die Praxis, wie Erschöpfung zur Schwelle der Transformation werden kann.
Anstatt Veränderung zu widerstehen, kann der menopausale Körper eine neue Begeisterung für Bewegung entdecken. In der Verbindung von theoretischer Reflexion und kurzer verkörperter Demonstration versteht die Lecture-Performance Menopause als Choreografie der Transformation, in der Nichtverfügbarkeit zugleich ästhetische Strategie und politischer Akt des Widerstands wird.
-
Nadja Haas ist eine in Berlin lebende multidisziplinäre Künstlerin, die an der Schnittstelle von Tanz, Performance und bildender Kunst arbeitet. Ihre künstlerische Praxis erforscht den Körper in Bewegung durch Live-Performances, experimentellen Film, digitale Medien und ortsspezifische Arbeiten. Sie hat einen Master of Fine Art an der Slade School of Art, UCL London, erworben und plant, 2026/27 ein praxisbasiertes Promotionsstudium aufzunehmen. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit Ritual, Transformation, Ökologie und verkörperter Forschung und entsteht häufig in Zusammenarbeit mit Musiker:innen, Designer:innen und lokalen Gemeinschaften. Sie unterrichtet zeitgenössischen Tanz und Performance am Dock 11 in Berlin und hat ihre Arbeiten international auf Festivals sowie in Galerien und kulturellen Institutionen präsentiert.
Stephani Howahl (Köln): Im Zeichen der Krise: Die Vielfalt tänzerischer Emotionen aus Sicht einer Bildung für nachhaltige Entwicklung [lecture] (deu)
Angesichts aktueller Herausforderungen und Krisen befürwortet die UNESCO Entwicklungen zu Gunsten eines nachhaltig guten Lebens für alle Menschen. Da Kultur der Ort ist, an dem gesellschaftliche Werte verhandelt werden, könne nachhaltige Entwicklung nie über Kulturen hinweg erreicht werden. Ein vielfältiges kulturelles Erbe berge diverse Lösungsoptionen für globale Herausforderungen. Bildung, die dieses Erbe weitergebe, könne als ‚Schlüssel‘ für individuelle und gesellschaftliche Entwicklung wirken (UNO 2015; UNESCO o. J.). Der vorliegende Beitrag nimmt in dieser Hinsicht Emotionskulturen im Tanz als Teil eines immateriellen Erbes in den Blick. Im Vortrag Im Zeichen der Krise werden Ergebnisse dargestellt aus einer Reihe empirischer Studien diverser, kulturtypischer, emotionaler Praktiken mit je eigenen Logiken (Howahl 2025). Angesichts der empirisch beleuchteten Fülle und Diversität leiblicher, emotionskultureller Erfahrungsmöglichkeiten im Tanz ist zu diskutieren, welches Bildungspotenzial emotive, tänzerische Selbst- und Weltbegegnung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung verspricht, welche Verstrickungen sich ergeben können und welche tanztypischen Reflexionsmethoden (emotive) Bildungsprozesse unterstützen.
-
Stephani Howahl ist akademisch-künstlerische Mitarbeiterin am Institut für Tanz und Bewegungskultur der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihre Dissertation Tanz und Bildung im Spiegel von Emotionen wurde 2025 mit dem Ommo-Grupe-Preis ausgezeichnet. In ihrer Forschung verbindet sie Tanz-, Bewegungs- und Bildungswissenschaft mit Schwerpunkten auf Emotionen, Tanzpädagogik, Digitalisierung und ästhetischer Bildung. Ihre Arbeiten umfassen empirische und theoretische Studien sowie Beiträge zu postdigitalen Tanzkulturen und immersiven Technologien in der Vermittlung.
Leo Kees (Düsseldorf): Learning as Performance: meeting unknown territories as a collective choreography [lecture] (eng)
Der Vortrag untersucht Lernen als Performance im Verhältnis zu kollektiver Transformation und fragt, wie choreografische Praktiken Veränderungsprozesse wahrnehmbar und teilbar machen können. An der Schnittstelle von Choreografie, Audience Development und performativer Forschung angesiedelt, prüft er, wie körperliches und begriffliches Lernen inszeniert werden kann – nicht bloß als Weitergabe von Wissen, sondern als Praxis, in der Gruppen Ungewissheit annehmen und Veränderung erfahren.
Mit Blick auf drei Formate – ‚reading choreographies‘, ‚interview performances‘ und ‚movement-based learning performances‘ – untersucht der Beitrag, wie Aufmerksamkeit, Wiederholung, Zögern, angenommenes Nichtwissen, Konzentration und verkörperte Anstrengung als performatives Material komponiert werden können. In diesen Settings erscheint Lernen weder als individuelle Leistung noch als unsichtbare Vorbereitung eines fertigen Produkts, sondern als unabgeschlossener sozial-choreografischer Prozess, in dem begriffliche, körperliche und emotionale blinde Flecken angenommen und bearbeitet werden.
Vor dem Hintergrund zunehmend automatisierter und technologisch vermittelter Kommunikation wird Choreografie hier zu einer Weise, geteilte Aufmerksamkeit zu organisieren, Verletzlichkeit in Lernerfahrungen einzubeziehen, kollektive Sinnbildung zu ermöglichen und temporäre Gemeinschaften zu proben.
-
Leo Kees ist interdisziplinär arbeitender Künstler in den Feldern Choreografie, Performance, bildende Kunst, Sound und digitale Medien. In Patagonien geboren und in Deutschland lebend studierte er an der Folkwang Universität der Künste und zeigte seine Arbeiten international, unter anderem im Sadler’s Wells und im Sydney Opera House. Über zehn Jahre lehrte er als Gastdozent an der Folkwang Universität. Seine aktuelle Forschung gilt dem Lernen als performativer und verkörperter Praxis und untersucht, wie Aufmerksamkeit, Wissen und soziales Verhalten in choreografischen und partizipativen Formaten hervorgebracht, geprobt und verändert werden.
Jutta Krauß (Freiburg): Responsability amongst friends as a way of imagining a collective, peaceful dancing body [lecture] (eng)
Dieser Beitrag widmet sich dem Beziehungsnetz Frieden, Prozess und der Performance Shake the Silence. Tänzerisches Experiment über Frieden (2026). Er ist eine retrospektive Hinwendung zur Zusammenarbeit der Choreographin Julia Klockow mit der Dramaturgin Zina Vaessen. Deren Forschen zum Thema Frieden „begins technically as a movement [and] is immediately a movement of thought” (Manning 2009: 1, Herv. i.O.), nämlich als Übertragung von Schwarm-Konzepten in Choreografie, als Schwärmen für vielfältige Formen von Beziehungen und als unruhige „unfinished configurations of […] meanings“ (Haraway 2016:1), um einen kollektiven friedlichen Tanzkörper (Programmheft) zu imaginieren. Und weil Vögel nie rückwärts fliegen, doch Fiktionen von dem, was tänzerische Bewegungen bedeuten können, der Performance als Experiment inhärent sind, fokussiert dieser Beitrag das Sprechen von Freund:innen über Relationen zwischen Praxis und (phantasierten) Theorien. Die dialogische Form (und das Gespräch als Methode) macht die Responsibilität ihres gemeinsamen Arbeitens sichtbar. Ihre gegenseitige response-ability (Haraway 2016) spiegelt sich auch in den partizipativen Prozessen während der Performance wider: Immer wieder werden Konstellationen zwischen Kollektiv und Individuum ausgelotet, die im Kontext von Schwarm-Modellen (Brandstetter 2007) gelesen werden können. In Anlehnung an Lyotard zielt das Vermessen ihrer Arbeit im Nachhinein auf das, „was gemacht worden sein wird“ (2015: 48, Herv. i.O.) . Was wurde im Gespräch berührt? Welche Fantasien über einen tanzenden Friedenskörper (ent)hält die Performance?
-
Jutta Krauß ist freischaffende Tanzwissenschaftlerin, Dramaturgin, Dozentin und Lehrerin. Sie absolvierte das Studium der TanzKultur an der Philosophisch-humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern/Schweiz und ein Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule Freiburg/Deutschland. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind das Verhältnis von Körper, Kostüm und Choreografie, Re-Lektüren von Gender Performances im Tanz sowie Relationen von Forschen und Sorge. In ihrer Arbeit vernetzt sie tanzwissenschaftliche Theorien mit künstlerischer Forschung und einem poetologischen Ansatz.
Bianca Kruppa (Amberg): Einsam Tanzen Bringt Nichz – Vortrag, Performance, Spielraum [lecture performance] (deu)
‚Wie kommen wir zusammen?‘ – Diese Frage bildet den Ausgangspunkt des künstlerischen Forschungsprojekts Einsam Tanzen Bringt Nichz von Bianca Kruppa. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Fragmentierung untersucht die Arbeit Möglichkeiten temporärer Zusammenschlüsse im Spannungsfeld von Zugang und Ausschluss sowie von Macht und Verantwortung. Sie fragt nach den Bedingungen sozialer Choreografien, die mit und durch Menschen entstehen, sobald sie sich aktiv aufeinander beziehen und dabei ihr soziales Gefüge fortlaufend neu verhandeln.
Ausgehend von der politischen Theorie Hannah Arendts, insbesondere ihrem Begriff des Handelns (Vita Activa), verbindet das Projekt philosophische Perspektiven mit persönlichen Erfahrungen und Stimmen aus lokalen Kontexten. Interviews mit jungen Menschen, Ehrenamtlichen, Kulturschaffenden und sozialen Initiativen eröffnen vielfältige Sichtweisen auf Begegnung, Verantwortung und gemeinschaftliches Handeln im Zusammenhang mit körperbasiertem Wissen, Bewegung und Choreografie.
Das Format bewegt sich zwischen Vortrag und Performance und eröffnet einen Spielraum, in dem Begegnung nicht nur thematisiert, sondern praktisch erprobt wird. Das Publikum wird Teil eines gemeinsamen Denk- und Erfahrungsraums und ist eingeladen, das soziale Gefüge für den Moment mitzugestalten.
-
Bianca Kruppa ist freischaffend in den Bereichen Choreografie, Tanz und Vermittlung tätig. 2025 schloss sie den Masterstudiengang Dance: Participation, Communities, Activism an der London Contemporary Dance School ab. Sie arbeitet als Mediatorin im Modell der Neuen Auftraggeber für das Programm Tanz & Performance und begleitet seit 2024 eine Auftragsarbeit von Bürger:innen in Amberg. Als Mitbegründerin des Ortes und Vereins Falsche Farm e.V. (Bayern) entwickelt und reflektiert sie ihre Arbeit häufig in einem ländlich geprägten Kontext. Seit 2025 ist sie künstlerische Co-Leitung des Projekts Phase – Raum für Junge Kultur der Falschen Farm, gefördert im Programm LOKAL der Kulturstiftung des Bundes.
Jitka Pavlišová (Olomouc): Keep in Motion: Choreographies of Transformation and Resistance [lecture] (eng)
Der Beitrag untersucht Choreografie als Praxis der Transformation und des Widerstands im Kontext der vollständigen Invasion der Ukraine durch Russland im Jahr 2022. Mit Fokus auf choreografische Arbeiten, die in Ostmitteleuropa entstanden sind, argumentiert er, dass Choreografie als ein Raum dient, in dem Erfahrungen von Krieg, Vertreibung und gesellschaftlicher Veränderung durch verkörperten Widerstand gegen Russlands anhaltende Aggression verhandelt werden. Eingebettet in die vielfältigen Entwicklungen postsozialistischer Tanzpraktiken, untersucht der Beitrag, wie transkulturelle Begegnungen zwischen slawischen Kulturräumen, die von gemeinsamen Unterdrückungsgeschichten geprägt sind, verkörperte Identitäten durch Bewegung neu konfigurieren. Er fragt, welche Formen verkörperten Wissens diese choreografischen Praktiken hervorbringen und wie sie bestehende Wissenslücken rund um marginalisierte Post-Block-Identitäten adressieren. Choreografie erscheint damit zugleich als politische Praxis und als Modus der Wissensproduktion, der marginalisierte Identitäten sichtbar macht und auf individueller wie kollektiver Ebene mögliche Zukünfte neu gestaltet.
-
Jitka Pavlišová ist Assistenzprofessorin am Institut für Theater- und Filmwissenschaft der Palacký-Universität Olomouc (CZ). Ihre Forschung untersucht Choreografie als Ort transkulturellen Austauschs, verkörperten Wissens und der Rekonfiguration postsozialistischer Identitäten in zeitgenössischem Tanz und Performance in Ostmitteleuropa. Sie war Humboldt-Forschungsstipendiatin für erfahrene Wissenschaftler:innen (2020–2023) an der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in Frankfurt am Main, betreut von Katja Schneider. Sie kuratiert außerdem das Tanz- und Performanceprogramm des internationalen Flora Theatre Festival (Olomouc, CZ). In ihrer kuratorischen Praxis unterstützt sie zeitgenössische Kunst jenseits der Metropolen und fördert neue Netzwerke zwischen Regionen.
Friederike Reif (Köln / Windeck): Paartanzvermittlung als Dispositiv: Körperpolitiken, Normierung und choreografische Transformation [lecture] (deu)
Paartanz ist gesellschaftlich weit verbreitet, seine Vermittlungsstrukturen sind tanzwissenschaftlich jedoch kaum erforscht. An dieser Forschungslücke setzt der Beitrag an und versteht Paartanzvermittlung als historisch gewachsenes ‚Dispositiv‘ im foucaultschen Sinne: als Gefüge aus Institutionen, Diskursen, Körpertechniken und Bewertungslogiken, das Bewegungen reguliert, Körper normiert und soziale Ordnungen stabilisiert.
Ausgehend von einer diskursanalytischen Untersuchung historischer Quellen zwischen 1910 und 1930 rekonstruiert der Vortrag, wie Paartanzvermittlung im deutschsprachigen Raum institutionell standardisiert wurde. Die Analyse zeigt, wie sich normierende Körperpolitiken verfestigten und bis heute Verständnis und Vermittlung von Paartanz prägen: fragmentierte Bewegungsvermittlung, hierarchisierte Geschlechterrollen, standardisierte Bewegungsfolgen als Kompetenzmaßstab, eine pädagogische Dichotomie von ‚richtig‘ und ‚falsch‘ sowie die Entkontextualisierung afrodiasporischer Tanzpraktiken.
Eine Umfrage unter Tanzlehrenden zeigt, wie diese Strukturen fortwirken. Zwei eigens entwickelte diversitätssensible Praxisformate unterlaufen figurenzentrierte und reproduktive Vermittlungslogiken. Der Beitrag versteht Paartanzvermittlung damit als choreografische Praxis, die Körper, Beziehungen und soziale Bewegungsordnungen organisiert – und zugleich als ‚Choreografie der Veränderung‘, in der Bewegungsordnungen diversitätssensibel transformiert werden können.
-
Friederike Reif ist Tanzpädagogin, Sozialpädagogin und Tanzwissenschaftlerin. In ihrer Forschung und künstlerisch-pädagogischen Praxis untersucht sie Geschichte, Pädagogik und Körperpolitik von Paartanzvermittlung. Ihre Arbeit verbindet historische und zeitgenössische Forschung mit der Entwicklung experimenteller Vermittlungsformate und -konzepte. Wissenschaftliche Analyse und praktische Vermittlung stehen dabei in engem Austausch mit der Praxis sozialer Tanzräume. Seit mehreren Jahren entwickelt und erprobt sie innovative und diversitätssensible Ansätze und Interventionen, unter anderem im Rahmen ihrer Initiative TanzBildung. Zu ihren Vermittlungskonzepten zählen Zweisam Tanzen, Dancing in the Dark und SlowSteps two-gether.
Christina Thurner (Bern): Stadtchoreografien: Venedig und der situationistische Fotoromanzo [lecture] (deu)
Städte bestehen nicht nur aus Bauten und Verkehrswegen, vielmehr sind sie bewegt-dynamische Erfahrungs- und Handlungsräume, die sich stetig verändern. Betrachtet man ‚Stadt‘ – wie ich dies in meinem Forschungsprojekt Stadtchoreografien vorschlage – unter dem Gesichtspunkt ‚sozialer Choreografie‘, dann interessiert insbesondere, wer sich wie und zu welchem Zweck im urbanen Raum bewegt, aber auch, wie eine Stadt wiederum die Menschen bewegt und mit welchen Konsequenzen. Aus tanzwissenschaftlicher Perspektive lohnen dabei einerseits exemplarische urbane Konstellationen einer näheren Betrachtung, andererseits künstlerische und/oder aktivistische Projekte, die diese Fragen zugleich gesellschaftlich, politisch und ästhetisch angehen.
Der Vortrag fokussiert auf ein ausgewähltes Beispiel aus dem größeren Forschungskontext: auf Venedig beziehungsweise auf den (gemäß Selbstbezeichnung) psychogeografischen Fotoromanzo The Leaning Tower of Venice des britisch-italienischen Künstlers und Situationisten Ralph Rumney aus dem Jahr 1957. Es geht in dem Vortrag darum, die choreografische Verfasstheit der im und mittels Fotoromanzo reflektierten bewegten Stadt-Wahrnehmung explizit zu machen und deren (Aus-) Wirkungen bis in die Gegenwart zu untersuchen.
-
Christina Thurner ist Professorin für Tanzwissenschaft am Institut für Theaterwissenschaft (ITW) der Universität Bern, Schweiz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Tanzgeschichte und -ästhetik (18.–21. Jahrhundert), Historiografie, Tanzkritik, Autobiografieforschung und Stadtchoreografie. Zuletzt von ihr erschienen ist die Monografie Erinnerungen tanzen: Autobiografien als Quellen der Tanzhistoriografie (Bielefeld 2024); außerdem Theater und Tanz: Handbuch für Wissenschaft und Studium, gemeinsam herausgegeben mit Beate Hochholdinger-Reiterer und Julia Wehren (Baden-Baden 2023). Derzeit arbeitet sie zusammen mit David Castillo, Johanna Hilari und Julia Wehren in dem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Projekt Soziale Choreografien (Laufzeit 2024–2028).
Anna Laura Wieczorek (Salzburg): Choreographies of Care. Integrierte Audiodeskription als choreografische und dramaturgische Praxis der Veränderung [lecture] (deu)
Die Choreografin Claire Cunningham hat das Konzept Choreography of Care gemeinsam mit langjährigen Kollaborateur:innen aus der künstlerischen Praxis heraus entwickelt. Dieses versteht Care als künstlerische und methodische Praxis kollektiver Fürsorge, die alle Ebenen einer Arbeit durchzieht: von Probenraum und Produktionsplanung bis zur Publikumsbeziehung. Der Vortrag überträgt das Konzept auf die integrierte Audiodeskription (AD) im zeitgenössischen Tanz, also die sprachliche und stimmliche Beschreibung von Körpern, Bewegungen und Atmosphären. Ursprünglich ein Zugangsangebot für blindes und sehbehindertes Publikum etabliert sich AD zunehmend als eigenständige künstlerische Praxis.
Wird AD von Beginn an mitgedacht, verschieben sich Zeitpläne, Autor:innenschaft und institutionelle Bedingungen. Künstlerische AD greift damit nicht nur in die Dramaturgie der Wahrnehmung ein, sondern ebenso in die der Arbeitsprozesse – denn Dramaturgie ist immer beides: Komposition des Wahrnehmbaren und Organisation seiner Herstellung. Sie macht sichtbar, dass jede Aufführung mehrere sinnliche Dramaturgien hervorbringt, die miteinander komponiert werden können. Mit dieser Verschiebung entsteht das Berufsbild der Access Dramaturg:in. Diese Aushandlungen verlaufen nicht reibungslos: Es gibt nicht ‚das blinde Publikum‘, sondern heterogene Expertisen, deren Konflikte produktiv werden, wenn sie als Teil dramaturgischer Arbeit ernst genommen werden.
Fallbeispiele aus Probenprozessen und Aufführungen machen beide Seiten sichtbar: Künstlerische AD verändert die Produktionslogik des zeitgenössischen Tanzes und die Komposition des Wahrnehmbaren und wird damit zu einer dramaturgischen Praxis kollektiver Fürsorge.
-
Anna Laura Wieczorek ist seit 2025 Assistenzprofessorin für Angewandte Tanzwissenschaft am Department für Elementare Musik- und Tanzpädagogik der Universität Mozarteum Salzburg. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medien, Theater und populäre Kultur der Universität Hildesheim. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind ‚Aesthetics of Access‘, insbesondere Tanz und Audiodeskription, sowie Schnittstellen zwischen Theorie und Praxis und Fragestellungen zu Tanz, Archiv & Scores. Gemeinsam mit Isabel Schwenk gab sie zuletzt den Sammelband Stating the Aesthetics of Access (Universitätsverlag Hildesheim, Open Access) heraus. Seit 2022 ist sie stellvertretende Vorständin der Gesellschaft für Tanzforschung.
Ulrike Wörner von Faßmann (München): Die Kunstwürdigkeit bewegter Zusammenkünfte im partizipativen Kontext [lecture] (deu)
Neue Kunstformen bringen jeweils eine Verschiebung der Bewertungsparameter mit sich. Immer wieder muss der Kanon des kunstwürdigen Materials (Lüddemann 2021: 9) erweitert und neue Auffassungen darüber, was Kunst sein kann, geprägt werden. Wie sind derartige Verschiebungen der ‚Kunstwürdigkeit‘ für aktuelle partizipative Projekte der darstellenden Kunst zu denken? Wohin muss sich die Theoriebildung entwickeln, um Qualitätsbegriffe für neue Formen des Miteinanders im Rahmen der Kunst zu gewinnen?
Der Vortrag greift die Diskussion nach der Vereinbarkeit von Partizipation und Kunstanspruch auf – ist ein Projekt, das einen sozialen Wert für eine bestimmte Gruppe hat, als Kunst zu deklarieren bzw. ist ein partizipatives Kunstprojekt, das auf einen sozialen Mehrwert hin perspektiviert ist, nach Kriterien des Nutzens oder der Qualität zu beurteilen? In Anlehnung an die Denkfigur des ‚ready made‘ wird vorgeschlagen, dass sich die Kunsthaftigkeit von Formen des bewegten Miteinanders im partizipativen Kontext nicht durch die Körper selbst, sondern über den Kontext, in den sie gesetzt werden, legitimiert. Das gemeinsame Bewegen bzw. die gemeinsame Praxis wird auf den Sockel gehoben – die Institution formuliert die Behauptung, diese Zusammenkunft als kunstvoll zu erachten. Anhand von Beispielen werden im Vortrag Dynamiken des Miteinanders und Übergangsmomente vom Einzelnen zum Gemeinsamen beleuchtet.
-
Ulrike Wörner von Faßmann arbeitet gleichermaßen in Theorie und Praxis. Sie promovierte im Rahmen des strukturierten Doktorandenprogramms ProART an der LMU München, wo sie zuvor Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Ethnologie studierte. Seit 2017 ist sie Lehrbeauftragte, 2020/21 und 2023–2025 wissenschaftliche Mitarbeiterin sowie 2025–2026 Vertretungsprofessorin am Institut für Theaterwissenschaft an der LMU München. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Dramaturgie und Vermittlung im Tanz, Tanz im musealen Kontext, Rezeption und Partizipation. Ihre dramaturgische Praxis führt sie nach einer Anstellung beim Ballett am Rhein (2009–2013 unter der Leitung von Martin Schläpfer) seit 2016 selbstständig durch und arbeitet u. a. mit Nicole Morel, Judith Hummel und Martin Chaix zusammen.
Isa Wortelkamp (Berlin): Tanz und Choreografie in der Begleitung von Veränderungsprozessen [lecture] (deu)
Tanz und Choreografie sind wiederkehrende Begriffe im Kontext systemischer Beratung. Sie dienen der Beschreibung komplexer Beziehungsstrukturen und -dynamiken, nonverbaler Kommunikationsformen sowie von Verfahren, die in der Begleitung von Veränderungsprozessen zum Einsatz kommen. Ebenso vielfältig wie die Anwendungsfelder sind auch die Erscheinungsformen und -konzepte von Tanz und Choreografie, die dabei aufgerufen werden. Sei es die Rede von tänzerischen Schritten und Figuren, choreografischen Mustern oder von konkreten Tanzformen wie Ballett oder Tango – der Rekurs auf das künstlerische Repertoire scheint attraktiv, um transformative Prozesse beschreibbar zu machen. Als Tanzwissenschaftlerin und praktizierender Coach interessiert mich der Blick hinter die meist metaphorische Verwendung von Tanz und Choreografie in Beratungskontexten.
In meinem Beitrag unternehme ich einen diskursanalytischen Streifzug durch die systemische Beratungsliteratur, angefangen von handlungs- und erlebnisorientierten Ansätzen der Familientherapie, in denen Begriffe wie ‚Stress-Ballett‘ (Satir), ‚Familien-Tanz‘ (Minuchin) oder ‚Choreografie‘ (Papp) Verwendung finden, bis hin zu aktuellen Ansätzen des körperorientierten Coachings und Teamcoachings (Erpenbeck; Wienands). Im Zentrum steht dabei die Idee von Choreografie als sich selbst organisierendes Bewegungs- und Beziehungsgefüge, das zahlreiche Impulse für den Umgang mit komplexen Systemen bereithält.
-
Isa Wortelkamp lebt in Berlin als freie Tanzwissenschaftlerin und systemischer Coach für Kunst und Wissenschaft. Nach dem Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen promovierte sie an der Universität Basel mit der Arbeit Sehen mit dem Stift in der Hand – die Aufführung im Schriftzug der Aufzeichnung (2006). Bis 2015 war sie Juniorprofessorin am Institut für Theaterwissenschaft an der FU Berlin, wo sie 2012–2014 das Forschungsprojekt Bilder von Bewegung – Tanzfotografie 1900–1920 (DFG) und 2015–2016 das Forschungsprojekt Writing Movement (VW) leitete. Zuletzt forschte sie im Rahmen des Heisenberg-Programms (DFG) an der Universität Leipzig zur Tanzfotografie der Moderne (2022).